“Abwarten.”

Walter Müller wird 1922 in Zürich geboren, seine Familie verfügt nur über sehr bescheidene Mittel. Er erinnert sich an eine Kindheit ohne Perspektiven: «Ich habe ganz unten auf der Leiter angefangen», sagt er. Seine Eltern beschliessen für ihn, dass er schon sehr jung in der Schlosserei seines Patenonkels arbeiten soll, um diese später zu übernehmen. Er muss eine Lehre in der Schlosserei Lerch absolvieren, ohne zu diskutieren, wie es damals üblich war. Einmal ausgebildet beginnt er jedoch bei den öffentlichen Verkehrsunternehmen der Stadt Zürich (VBZ).
Walter Müller heiratet im Jahr 1945, aber 1947 erleidet seine Frau eine Herzklappenentzündung, damals inoperabel. Es folgen acht schwere Jahre. 1955 musste er zur Arbeit und will sich bei seiner im Bett liegenden Frau verabschieden. «Da stiess sie zwei grelle Schreie aus und war tot», erzählt er. Er wird diesen Moment nie vergessen. Doch das Schicksal meint es gut: 1959 heiratet er erneut. Seine zweite Frau bringt eine Tochter und einen Sohn mit in die Ehe, die er wie seine eigenen annimmt. Selbst mit 101 Jahren hat er mehrmals wöchentliche Verabredungen mit dem Sohn und dessen Familie.
Bei der VBZ ist Walter Müller 13 Jahre Kondukteur und 11 Jahre im Dienstbüro, zuständig für den Rapport des Fahrpersonals und die Dienstzuteilung. Das Klima ist sehr schlecht, fast täglich gibt es Streit. Er leidet sehr darunter und hat 1969 einen Zusammenbruch. Sein Nachbar rät ihm, sich beim Erkundungsdienst des Sozialamtes zu bewerben, wo er selbst arbeite.
Da unerwartet ein Mitarbeiter verstirbt, bekommt Müller diese Stelle. Er ist äußerst dankbar, denn die Arbeit ist sehr interessant und abwechslungsreich, er hat Kontakt mit allen Schichten der Bevölkerung. Walter Müller sagt: «Ich bin dadurch endlich oben angekommen.» Er verbringt dort 15 schöne Jahre bis zur Pensionierung.
100 Jahre alt zu werden, empfindet Walter Müller als Geschenk. Auch wenn er zwischendurch gesundheitlich zu kämpfen hatte (Lungenembolie und diverse Operationen), geht es ihm gut. Sein Geheimnis liege nicht in speziellen Lebensgewohnheiten, sondern in einer gelassenen Einstellung zum Leben. Auf die Frage, wie er es geschafft hat, so alt zu werden, antwortet er mit einem Schmunzeln: «Abwarten».
Trotz seines Alters bleibt Walter Müller aktiv und voller Lebensfreude. Der Haushalt hält ihn auf Trab, oft ist er bei Freunden oder Familie eingeladen. Er spielt gerne Sudoku, braucht aber eine starke Lupe, oder er schaut einen interessanten Film. Besonders gerne besucht er andere Hundertjährige, um Karten zu spielen und Geschichten auszutauschen. Trotz der Schicksalsschläge ist Walter Müller ein Mann, der viel Humor verbreitet und zufrieden auf sein Leben zurückblickt. Er ist dankbar für alle Erfahrungen, die er machen durfte, und dass er sich immer noch wohlfühlt.



