„Das Leben so nehmen wie es ist und nicht wie man es gerne hätte.“

Marcelle Bucher wird 1921 in Genf geboren, doch bereits mit drei Jahren zieht ihre Familie in den Kanton Bern. Verwandte mütterlicherseits bieten ihrem Vater eine Arbeitsstelle in ihrem Geschäft an. Dort lernt sie Deutsch, was ihr leicht fällt, ganz im Gegensatz zum Vater.
Als sie elf Jahre alt ist, wird ihr Bruder geboren. Ihre Mutter arbeitet als Schneiderin zuhause und Marcelle Bucher bekommt schon früh die Aufgabe, auf ihren Bruder aufzupassen. Auch wenn sie damals lieber mit den anderen Kindern gespielt hätte, so legt sich dadurch der Grundstein für eine enge Beziehung zu ihrem Bruder, die ein Leben lang hält. Nach der Schule absolviert sie eine Lehre und arbeitet danach acht Jahre in der renommierten Samenhandlung Samen Vatter in Bern.
Der Zweite Weltkrieg ist für Marcelle Bucher eine furchtbare Zeit. Die Leute haben Angst davor, was in Europa passiert. Als ihr Vater 1942 stirbt, gibt es noch keine Witwenrente. Damit ist ihre Mutter auf die knappen finanziellen Mittel angewiesen, die Marcelle nach Hause bringt. In dieser schwierigen Zeit gibt es aber auch schöne Momente. Herzlich lachend erzählt Marcelle Bucher, wie sie ihren Mann in einem Berner Casino beim Tanzen kennenlernte. Obwohl er kein guter Tänzer ist, überzeugt er sie. Sie werden ein Paar und heiraten. Im Alter von 32 bekommt sie ihre erste Tochter, im Alter von 34 die zweite. Gemeinsam gehen sie oft wandern, etwa ins Tösstal, nach Grindelwald oder auf den Gornergrat.
Marcelle Bucher ist ein Leben lang für ihre Familie da und ist sehr stolz auf sie. Als ihre älteste Tochter mit 17 Jahren die Lehre abbrechen, heiraten und eine Familie gründen will, ist dies für Marcelle Bucher dennoch nur schwer nachvollziehbar. Lächelnd denkt sie an ihre nun erwachsene Enkelin: dass man sich manchmal so große Sorgen macht und dann doch alles gut wird!
Mit 81 Jahren erkrankt ihr Mann an Krebs, sie pflegt ihn zwei Jahre. Er stirbt nach 52 Jahren Ehe an ihrem Hochzeitstag. Nach einem Sturz erfolgt im Alter von 101 Jahren der Umzug ins Altersheim. Dort lebt sie sich gut ein. Sie strickt viel, singt mit den anderen Frauen und erlaubt sich hin und wieder einen Spaß mit den Mitbewohnerinnen. Sie hat immer gerne gelesen, ihre Augen lassen dies allerdings nicht mehr zu. Sie sei aber nicht traurig, erzählt sie, man müsse sich damit abfinden, das sei einfach das Alter. Mit dem Leben zu hadern bringe ja nichts.
100 Jahre alt zu werden war nie ein Ziel für Marcelle Bucher. 80 wäre auch ein gutes Alter gewesen, das hätte ihr gereicht. Ein Geheimrezept fürs Altern habe sie nicht. Lachend meint sie, am Sport könne es nicht liegen, denn davon habe sie nie viel betrieben. Vielleicht hat die Ernährung geholfen. Auf ihrem Speiseplan standen immer viel Gemüse und viel Obst, aber kein Fleisch und wenig Alkohol. Möglicherweise hat auch ihre entspannte Einstellung zum Leben zu ihrem hohen Alter beigetragen.



