„Pflegt die Kameradschaft und die Solidarität, denn das ist es, was im Leben wirklich zählt.“

Jitka Polivka wird 1921 in der damaligen Tschechoslowakei geboren. Als Einzelkind wächst sie in Pardubice bei ihren liebevollen Grosseltern auf. In einer Zeit grosser politischer Umbrüche und gesellschaftlicher Veränderungen ist sie als Kind vielen Gefahren ausgesetzt, doch ihre Grosseltern geben ihr ein sicheres Zuhause. Ihre Mutter, eine strenge und hart arbeitende Privatköchin für wohlhabende Familien, ist selten daheim. «Babička» (Grossmütterchen) und Grossvater sorgen aber dafür, dass es der kleinen Jitka an nichts fehlt.
Jitka Polivka erinnert sich gerne an ihre Schulzeit. Sie besucht zunächst die Grundschule im Dorf, bevor sie für die weiterführende Schule täglich drei Kilometer in die Stadt läuft. Als Einzelkind, das seinen Vater seit ihrem dritten Lebensjahr nicht mehr gesehen hat, wird sie von ihrer Mutter und den Grosseltern umso mehr verwöhnt. Ihre Mutter lehnt Unterhaltszahlungen vom Vater ab und versorgt ihre Tochter durch ihre harte Arbeit alleine. Ihre Jugend ist unbeschwert; selbst nach der Besetzung durch die Nazis geht es und ihrer Familie relativ gut.
Um der drohenden Zwangsarbeit in Nazi-Deutschland zu entkommen, heiratet Jitka Polivka mit 20 Jahren. Sie haben zwei Kinder, einen Sohn 1944 und eine Tochter 1947. Die Ehe ist nicht von Dauer, nach 12 Jahren kommt es zur Trennung. Sie bleibt erst einige Jahre alleine, konzentriert sich auf die Arbeit und ihre persönliche Unabhängigkeit, bevorsie ihren zweiten Mann, ihren damaligen Vorgesetzten, heiratet.
Während des Prager Frühlings 1968 muss die Familie das Land verlassen und flüchtet in die Schweiz. Jitka Polivka ist damals 47 Jahre alt. Das erste Jahr im Exil verbringen sie in Moutier, wo Polivka für Tornos arbeitet. Französisch lernen fällt ihr nicht leicht, aber drei Jahre später findet die Familie in Winterthur ein neues Zuhause und baut sich dort ein neues Leben auf.
In der Schweiz führt sie über viele Jahre ein zufriedenes Leben, bis ihr Mann im Jahr 2000 verstirbt. «Männer sterben immer dann, wenn man sie am meisten braucht», bemerkt sie mit einer Spur von Melancholie in ihrer Stimme.
Jitka Polivka führt ihr hohes Alter auf die Gene ihrer Familie zurück –ihre Mutter wurde fast 105 Jahre alt. Sich selbst bezeichnet sie gerne als phlegmatische Optimistin. Auch betont sie die Bedeutung einer gesunden Ernährung, des Verzichts auf Fast Food, Alkohol und Zigaretten.
Sie hat gute Erinnerungen an ihre Erziehung, an die Werte, die ihr ihre Grossmutter vermittelt hat, und an die vielen Freundschaften, die ihr Leben bereichert haben. Umgeben von treuen Freunden, die sie jede Woche besuchen, führt sie ein ruhiges und ausgeglichenes Leben. Sie ist zufrieden.
Auf die Frage nach ihrem hohen Alter antwortet sie mit Gewissheit: «Mlád neumřu» – Jung werde ich nicht mehr sterben.



