„Nutzt all die Möglichkeiten, die sich euch bieten! Stürzt euch ins Leben! Aber niemals auf Kredit. Das wird euch zerstören.”

Jean-Jacques Sollberger wird 1922 in Montreux geboren. An seine frühe Kindheit erinnert er sich nicht besonders. Eher an die Schulzeit, in der er versucht, Geld zu verdienen, um der Familie zu helfen: Er arbeitet als Ruderer für englische Touristinnen, die sich in kleinen Booten über den See fahren lassen, sammelt für den Winter Treibholz am Strand oder Kohlenreste unter den Zugwaggons am Bahnhof.
Als Jugendlicher interessiert sich Sollberger für die Fotografie. Er entdeckt ein Fotogeschäft, in dem er kleine Arbeiten übernimmt und für zwei Jahre die Technik und Laborarbeiten kennenlernt. Es ist der Beginn der Farbfotographie! Doch sein Vater will nicht, dass er eine Ausbildung in diesem «Hungerleider-Beruf» macht. Schliesslich absolvierte er seine Lehre in einem Eisenwarengeschäft. Vom ersten Tag an lernte er, alles an seinen Platz zu verstauen.
Nach drei Jahren Ausbildung arbeitet Jean-Jacques Sollberger in verschiedenen Firmen. Er ist ein geschätzter Mitarbeiter und als tief ehrlicher und geradliniger Mensch bekannt. Sein Weg führt ihn nach Moudon, nach Biel und nach Luzern. Hier lernt er 1944 seine Frau kennen. Sie ziehen nach dem Krieg nach Le Locle und heiraten 1954. Viele Jahre bleibt das Paar kinderlos, tröstet sich mit einem Hund. Bis 1959 schliesslich Tochter Christiane geboren wird. Ein Jahr später folgt Tochter Nicole. Das Glück der Familie ist vollkommen.
Nachdem sie ihre beiden Töchter grossgezogen haben, kehrt das Paar 1976 nach Montreux zurück. Hier führen sie das elterliche Familiengeschäft weiter. Auf der einen Seite des Ladens: Schmuck, Silberwaren, Uhren – das Reich seiner Frau. Auf der anderen Seite: Souvenirs, Spielwaren und Modelleisenbahnen – sein Reich. Eine echte Leidenschaft!
20 Jahre später geben sie das Geschäft auf und gehen in Rente. Bei der Geschäftsauflösung bleibt ein grosser Teil des Warenbestands zurück und wird im Keller seines Hauses in Blonay eingelagert, wo er mit Blick auf den Genfersee lebt.
Von seinem Leben hat er fast alles aufgehoben: die Briefmarkensammlung, Fotos, Filme, Enzyklopädien, Unterlagen von unzähligen Reisen, Landkarten, die Zeitschrift Reader’s Digest seit der allerersten Ausgabe, Sammlerpuppen – noch immer fein frisiert – und die Fotos der lieben Verstorbenen, die die Wände schmücken und die er von seinem grossen Holzschreibtisch aus betrachtet, wo er bis heute seinen Papierkram erledigt.
Jean-Jacques Sollberger liest täglich die Zeitung 24 Heures und schaut fern. Seine Töchter besuchen ihn regelmässig. Die Trauer um seine im Jahr 2022 verstorbene, geliebte Frau wird allmählich leichter. Sie waren 75 Jahre verheiratet. So fühlt er sich nach ihrem Tod recht einsam, aber da ist noch sein über 80-jähriger Gärtnerfreund, mit dem er gerne spricht.
Gefragt, was er der jungen Generation rät, antwortet er: «Nutzt all die Möglichkeiten, die sich bieten – stürzt euch ins Leben! Heute können junge Menschen ihren Beruf wählen – wie wunderbar! »



