Gerhart Wagner

„Erstens: täglich einen halben Liter Milch. Zweitens:niemals die Rolltreppe.“ 

Alter auf dem Foto : 103

Gerhart Wagner kommt 1920 als fünftes von sechs Kindern im Elternhaus zur Welt, nur ein paar Kilometer von seiner heutigen Wohnung entfernt. Sein Vater ist Lehrer, die Mutter bis zur Geburt der Kinder ebenfalls. Als Junge ist er viel draussen unterwegs und fasziniert von der Natur: gemeinsam mit seinem Freund beobachtet er Tiere und schreibt anschliessend Tagebuch. 

Gerhart Wagners Jugend endete jäh mit Beginn des Zweiten Weltkriegs. Obwohl er nun Kühe hüten muss, besteht er alle bis auf eine der noch stattfindenden Maturaprüfungen mit Bestnote. Sein Lehramtsstudium beginnt er noch, doch im Herbst 1940 wird er einberufen. Nach seiner Offiziersausbildung wird er an der italienischen Grenze stationiert. 

Nach dem Krieg studiert er weiter und macht seinen Doktor in Zoologie. Danach unterrichtet er Mathematik, Sport und Biologie. Er heiratet Alice, sie werden Eltern von vier Kindern. Doch seine Frau wird immer unzufriedener, nach 31 Jahren trennt er sich, ein Tiefpunkt in seinem Leben. Doch dann trifft er Annemarie. „Ein unverhofftes, unverdientes Glück”, sagt er. Sie bleiben den Rest ihres Lebens zusammen.

Nach vielen Jahren als Lehrer und später als Schulleiter geht Gerhart Wagner mit 63 Jahren in Rente. Er wünscht sich mehr Zeit für sein Hobby, die Wissenschaft. “Meine produktive Zeit”, sagt er. Morgens arbeitet er zwei oder drei Stunden, wandert mit Freunden oder schreibt Briefe. Die Nachmittage verbringt er mit seiner Frau. Sie trinken Kaffee, singen, unterhalten sich. 14 Jahre lang arbeitet er am Nachschlagwerk „Flora Helvetica“, das 1996 veröffentlicht wird; es ist mittlerweile in 7. Auflage und als App erhältlich. Mit 94 Jahren beendet er ein letztes Buch, über Mittelmoränen. Mit über 100 Jahren schreibt er noch Tagebuch und E-Mails. 

Er geht weiterhin gerne in die Berge, freut sich an seltenen Alpenblumen. Erst in seinen Neuzigern hat er zunehmend gesundheitliche Probleme, wird dreimal operiert. Doch schnell war er wieder auf den Beinen und auf seinem Hausberg, dem Bantiger. Doch das das Laufen wird beschwerlicher. Mit 101 gibt er Führerschein und Auto ab.   

Fragt man Gerhart Wagner nach seinem Geheimnis, zuckt er erst fragend die Schultern, dann hebt er den Zeigefinger. Erstens: täglich einen halben Liter Milch. Zweitens: niemals die Rolltreppe. Drittens: gute Gene – seine Eltern lebten lange, seine Schwester wurde 105. Ausserdem ist er neugierig, extrovertiert, diszipliniert. Wie viele seiner Generation hatte er kein einfaches Leben, aber er hat das Beste daraus gemacht.

Jetzt wäre es aber solangsam genug, mit dem Leben, meint er. Er ist gerne mit seiner Frau zusammen und seinen Kindern, aber er ist müde und vermisst seine Freunde.