Emma Bozzini

«Der Herr hat es so gewollt. Gott sieht alles und Gott sorgt für uns.»  

Alter auf dem Foto : 104 ans

Emma Bozzini wird 1921 in Corzoneso im Bleniotal an einem Tag mit starkem Schneefall geboren. Ihr Vater, zum Militärdienst in Airolo einberufen, ist nicht anwesend; als er erfährt, dass es ein Mädchen ist, freut er sich: «Wir brauchen sie», sagte er. Ein Junge war bereits kurz vorher geboren, ein zweiter folgt ein paar Jahre später. Emma Bozzini wächst in einer bescheidenen Bauernfamilie auf, im Rhythmus der Arbeit auf den Feldern und mit den Tieren. Sie hat nur wenige Erinnerungen an ihre Kindheit, aber sie erinnert sich noch gut an den Moment, als sie beschloss, ihr Zuhause zu verlassen. Trotz der Bedenken ihrer Mutter geht sie mit 15 Jahren in die Deutschschweiz, da es im Tessin zu wenig Arbeit gibt: «Ich brauchte das Geld mehr, als zu Hause zu bleiben.»

Emma Bozzini arbeitet zunächst in einer Spinnerei in Zug und lebt im Internat der Schwestern vom Heiligen Kreuz in Menzingen, wo sie sich ein Zimmer mit 24 anderen Mädchen teilt. «Es war eine harte Zeit», sagt Emma Bozzini, aber die Familie brauchte dieses Einkommen. Ihr Leben ist geprägt von der Fabrikarbeit unter der Woche und der Arbeit für die Ordensschwestern am Wochenende: «Wir durften nichts als nähen, waschen und andere Arbeiten verrichten», erzählt sie. Sie erinnert sich noch sehr gut an die blaue Uniform, den kostbaren Mantel, der für grosse Feste reserviert war, und vor allem an einen Ausflug nach Einsiedeln, wo sie ihre ersten Ohrringe kaufte.

Zwischen 16 und 22 kehrt Emma Bozzini nicht nach Hause zurück, und kein Familienmitglied besucht sie. Sie arbeitet dann einige Jahre in einer von Ordensschwestern geleiteten Klinik in Baar. 1952 geht sie wegen der Krankheit ihrer Mutter nach Hause zurück. Der Arzt schlägt ihr einen dreimonatigen Samariterkurs vor, damit sie ihre Mutter pflegen kann: Sie entdeckt dabei ihre Freude an der Pflege, muss aber auf eine weitere Ausbildung verzichten. Denn für sie steht die Familie an erster Stelle: «Papa brauchte mich.»

Mit 37 Jahren unverheiratet, kümmert sich Emma Bozzini um ihre Eltern, übernimmt den Hof, den Gemüsegarten und die Tiere, begleitet ihren Vater bis zu seinem Tod mit 92 und renoviert das Haus mit eigenen Händen. Im Winter arbeitet sie als Krankenpflegehelferin in der Klinik von Faido. Als Bäuerin, sagt sie, könne man nicht sparen, und es sei harte Arbeit: «Die grosse Verantwortung für das Haus, die Geschwister, den Stall und den Gemüsegarten. Ich hatte alles auf meinen Schultern.»

Mit 104 Jahren, davon 14 in einem Altenheim, bevorzugt Emma Bozzini die Einsamkeit ihres Zimmers: Ihre Geranien auf dem Balkon und die Fotos auf dem Nachttisch leisten ihr Gesellschaft. Ihre von der Arbeit abgenutzten Hände erlauben es ihr nicht mehr, zu stricken. «Mit 100 Jahren fühlt man sich nie wohl, man hat immer irgendetwas», sagt sie. Sie kann sich ihre Langlebigkeit nicht erklären: «Der Herr hat es so gewollt. Gott sieht und Gott sorgt.»