{"id":5440,"date":"2025-09-03T15:15:23","date_gmt":"2025-09-03T13:15:23","guid":{"rendered":"https:\/\/wp.unil.ch\/egodocuments\/?page_id=5440"},"modified":"2025-09-18T07:43:45","modified_gmt":"2025-09-18T05:43:45","slug":"was-sind-selbszeugnisse","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/wp.unil.ch\/egodocuments\/de\/was-sind-selbszeugnisse\/","title":{"rendered":"Was sind Selbstzeugnisse ?"},"content":{"rendered":"\n<p>Unter Selbstzeugnissen versteht man alle Texte, in denen eine Person sich \u00fcber sich selbst, ihr nahes Umfeld oder ihre Gemeinschaft \u00e4ussert oder zumindest Werturteile \u00fcber die nahe oder ferne Welt f\u00e4llt. Dazu geh\u00f6ren neben heterogenen Notizen, die keinem bestimmten Genre zuzuordnen sind, Autobiografien, Tageb\u00fccher aller Art, Reiseberichte, Gesch\u00e4ftsb\u00fccher, Chroniken und Familienb\u00fccher. Obwohl ebenfalls zu diesem Korpus geh\u00f6rend, wurden Briefe aus praktischen Gr\u00fcnden bisher nicht in Egodocuments.ch verzeichnet, sofern es sich nicht um \u00fcber einen bestimmten Zeitraum verfasste Kopieb\u00fccher handelt. Sie k\u00f6nnen jedoch als \u00abNebenquellen\u00bb erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<details class=\"wp-block-details is-layout-flow wp-block-details-is-layout-flow\"><summary><span style=\"color:#b01818\"><strong>+<\/strong><\/span><\/summary>\n<p>Der Begriff \u00abSelbszeugnis\u00bb bezieht sich f\u00fcr die fr\u00fche Neuzeit? auf unterschiedliche Textgattungen, die von vielf\u00e4ltigen Schreibpraktiken aus verschiedenen zeitlichen Perspektiven zeugen, wie beispielsweise ein t\u00e4glich gef\u00fchrtes Tagebuch, im hohen Alter verfasste Memoiren oder ein \u00fcber mehrere Generationen hinweg gef\u00fchrtes Familienbuch. Manchmal vermischen sich diese Gattungen: Eine Chronik kann beispielsweise zu einem Tagebuch werden oder umgekehrt. Es handelt sich in der Regel um Texte, die nicht zur Ver\u00f6ffentlichung bestimmt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf europ\u00e4ischer Ebene ist der Begriff \u00abSelbstzeugnis\u00bb einer von mehreren Begriffen, die in verschiedenen Sprachen als Synonyme verwendet werden und alle zur Debatte stehen : \u00e9crits du for priv\u00e9 [1], \u00e9crits personnels, scritture del s\u00e8, 1st person writing, autobiographical writing [2] oder eben egodocuments [3, 4], der den Vorteil hat, dass er in allen Sprachen verwendet werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage, welche Arten von Texten genau unter den Begriff \u00abSelbszeugnis\u00bb fallen, bleibt offen. So wurde insbesondere die Frage aufgeworfen, ob Zeugenaussagen vor Gericht aufgrund ihres unfreiwilligen Charakters [5], autobiografische Texte, die in einem institutionellen (insbesondere kirchlichen) Rahmen verfasst und daher auch vorgeschrieben sind [6], oder wegen geringer Thematisierung des \u00abIch\u00bb Chroniken mit \u00fcberwiegend ereignisbezogenen Inhalten [7, 8, 9] darunter fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der aktuelle Forschungstrend geht in Richtung einer Erweiterung der Kategorie [10], da der pers\u00f6nliche Aspekt (d. h. eine individuelle Sichtweise, die zwar nie frei von Einfl\u00fcssen ist, aber identifizierbare Werturteile enth\u00e4lt) gegen\u00fcber einer streng autobiografischen Dimension (Aussagen einer Person \u00fcber sich selbst und ihre Angeh\u00f6rigen) an Bedeutung gewonnen hat. Diese Tendenz wird durch die Ausweitung der Forschung \u00fcber den europ\u00e4ischen Raum hinaus verst\u00e4rkt, wodurch andere Formen des autobiografischen Ausdrucks ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen [11]. Selbst der indirekte Diskurs, der etwa im Fall des Osmanischen Reiches untersucht wurde, k\u00f6nnte unter bestimmten Voraussetzungen in die Kategorie der Selbstzeugnisse fallen [12].<\/p>\n\n\n\n<p>HINWEISE<\/p>\n\n\n\n<p>[1] \u00ab After ten years, I am not sure anymore that the term, we are using, in France is wholly appropriate. It tends to reduce the texts we want to study together, to just one of their dimensions, that one which paves the way towards the construction of modern self, which is a simplistic view. Like Kaspar von Greyerz, who has criticized the notion of \u2018egodocuments\u2019, I am coming to the conclusion that the term \u2018\u00e9crits du for priv\u00e9\u2019, although effective in the French context, obscures more than it helps communication on an European scale. \u00bb, Fran\u00e7ois-Joseph Ruggiu \u00e9d., \u00ab&nbsp;The Uses of first Person Writings on the \u2018Longue dur\u00e9e\u2019 (Africa, America, Asia, Europe)\u00bb, in F.-J. Ruggiu \u00e9d.,&nbsp;<em>The uses of first Person Writings (Africa, America, Asia, Europe)<\/em>, Bruxelles etc., Peter Lang, 2013, p. 11.<\/p>\n\n\n\n<p>[2] \u00ab&nbsp;I define autobiographical writing as any literary work that expresses lived experience from a first-person point of view. [\u2026] I realize that this is a problematic approach, especially since \u00ab&nbsp;autobiography&nbsp;\u00bb in this sense embraces so many forms that are, strictly speaking, not autobiographical.&nbsp;\u00bb James Amelang,&nbsp;<em>The Flight of Icarus. Artisan Autobiography in Early Modern Europe<\/em>, Stanford, Stanford University Press, 1998, p. 47.<\/p>\n\n\n\n<p>[3] \u00ab In the early 1950s the historian Jacques Presser invented a new word : \u00ab&nbsp;<em>egodocument<\/em>&nbsp;\u00bb. He proposed to use his neologism for diaries, personal letters and other forms of autobiographical writing [\u2026] those documents in which an ego intentionally or unintentionally discloses, or hides itself. Texts in which an author writes about his or her own acts, thoughts and feelings would be the shortest definition.\u00bb Rudolf Dekker,&nbsp;<em>Egodocuments and History<\/em>, 2002, p. 7.<\/p>\n\n\n\n<p>[4] \u00ab The historical subject we can grasp within and behind the autobiographies, diaries and family chronicles on offer is not an ego. It certainly has a self, whose external contours of personhood some of the documents in question may allow us to study. For all practical historical purposes, what we are looking at in self-narratives are primarily persons in their specific cultural, linguistic, material and, last but not least, social embeddedness. Ultimately a majority of these texts, most certainly early modern ones, probably tell us more about groups than they do about individuals.[\u2026] It may well be too late to stop the current rise in interest in the notion of ego-documents, although it seems unlikely that this will do justice to most early modern self-narratives. The category appears to be universally recognized, and even many specialists seem to assume that a cath-all basket is better than a more narrowly defined category.\u00bb Kaspar von Greyerz, \u00abEgo-documents: The Last Word?\u00bb,&nbsp;<em>German History&nbsp;<\/em>28\/3, 2010, p. 281.<\/p>\n\n\n\n<p>[5] \u00ab Darunter [= unter Ego-dokumente] sollen alle jene Quellen verstanden werden, die uns \u00fcber die Art und Weise informieren, in der ein Mensch Auskunft \u00fcber sich selbst gibt, unabh\u00e4ngig davon, ob dies freiwillig \u2013 also etwa in einem Brief oder in einem autobiographischen Text \u2013 oder durch andere Umst\u00e4nde bedingt geschieht.\u00bb Winfried Schulze,&nbsp;<em>Ego-Dokumente<\/em>, 1995, p. 10<\/p>\n\n\n\n<p>[6] \u00ab&nbsp;On entend par&nbsp;<em>\u00e9crits du for priv\u00e9<\/em>&nbsp;livres de raison, livres de famille, diaires, m\u00e9moires, autobiographies, journaux de toute nature (personnel ou \u00ab&nbsp;intime&nbsp;\u00bb, de voyage, de campagne, de prison\u2026) et de mani\u00e8re g\u00e9n\u00e9rale, tous les textes produits hors institution et t\u00e9moignant d\u2019une prise de parole personnelle d\u2019un individu sur lui-m\u00eame, les siens, sa communaut\u00e9.&nbsp;\u00bb www.Ecritsduforprive.fr\/presentation.htm<\/p>\n\n\n\n<p>[7] \u00ab Das \u00ab&nbsp;denckh B\u00fcechlin&nbsp;\u00bb, das die Priorin Verena Reiterin vom Kloster St. Wolfgang in Engen um 1653 geschrieben hat, ist zun\u00e4chst nicht als Selbstzeugnis zu bestimmen. \u00dcber mehrere Jahrzehnte berichtet sie nach Angaben ihrer aus Krankheitsgr\u00fcnden resignierten Vorg\u00e4ngerin und vermerkt sogar ihren eigenen Klostereintritt nur pauschal. Im letzten Teil dieser kleinen Chronik jedoch tritt die Schreiberin mehr und mehr hervor, vor allem in kritischen Situationen. Sie nennt sich zwar in der Regel mit Namen und f\u00fcgt nur selten ein Ich hinzu, aber nimmt ausdr\u00fccklich auf ihre spezifische Lage Bezug. Wir erfahren von ihren Krankheiten, ihren \u00c4ngsten, ihren Fluchten, ihrem zupackenden Eingreifen und von der prek\u00e4ren Lage, in die sie ger\u00e4t, als sie unter Mi\u00dfachtung der freien Wahl erst zur Subpriorin und sp\u00e4ter zur Priorin erhoben wird. Benigna von Krusenstjern, \u00abWas sind Selbstzeugnisse? Begriffskritische und quellenkundliche \u00dcberlegungen anhand von Beispielen aus dem 17. Jahrhundert\u00bb, Historische Anthropologie, vol. 2, No 3, 1994, p. 466.<\/p>\n\n\n\n<p>[8] \u00ab&nbsp;Savoir si la chronique est autobiographique ou non implique que l\u2019on tienne compte des modalit\u00e9s d\u2019expressions de la vie individuelle propres \u00e0 la p\u00e9riode et au groupe socio-\u00e9conomique auquel appartient le chroniqueur. L\u2019\u00e9l\u00e9ment autobiographique est, nous semble-t-il, composite. Loin de se limiter au seul parcours de vie, il peut appara\u00eetre sous forme d\u2019\u00e9tapes particuli\u00e8res de ce parcours \u2013 peut-\u00eatre secondaires \u00e0 nos yeux, mais pas \u00e0 ceux de l\u2019auteur \u2013 et par le biais des opinions personnelles exprim\u00e9es par ce dernier dans un moment et un contexte donn\u00e9s o\u00f9 il aurait&nbsp;<em>pu<\/em>&nbsp;agir. Il ne para\u00eet pas par ailleurs devoir \u00eatre limit\u00e9 aux apparitions d\u2019un \u00ab&nbsp;je&nbsp;\u00bb agissant. Ile se manifeste aussi dans la mani\u00e8re de pr\u00e9senter les faits, que le jugement soit implicite ou explicite.\u00bb Dani\u00e8le Tosato-Rigo,&nbsp;<em>La chronique de Jodocus Jost, miroir mental d\u2019un paysan bernois au XVIIe si\u00e8cle<\/em>, Lausanne, Soci\u00e9t\u00e9 d\u2019Histoire de la Suisse Romande, 2000, p. 187.<\/p>\n\n\n\n<p>[9] \u00ab Readers frequently inscribed almanacs with handwritten notes, and this kind of interaction between manuscript and print might plausibly be the most common form of sel-accounting in early modern England, played out around the edge of countless almanacs.\u00bb Adam Smyth,&nbsp;<em>Autobiography in Early modern England<\/em>, Cambridge, 2016 (<sup>1<\/sup>2010), p. 19.<\/p>\n\n\n\n<p>[10]<em>&nbsp;\u00ab Selbstzeugnisforschung&nbsp;<\/em>works with a more open understanding of sources and genres. Aside from diaries, memoirs and autobiographies, numerous other texts can count as self-narratives, such as letters, chronicles, family histories, travelogues, biographical dictionary entries or diplomatic records.\u00bb &nbsp; Gabriele Jancke, Claudia Ulbrich, \u00ab&nbsp;From the Individual to the Person&nbsp;\u00bb, in&nbsp;<em>Mapping the I\u2026<\/em>, Leiden, 2015, p. 18.<\/p>\n\n\n\n<p>[11] \u00ab In reality, in Arabic texts of the period 1500-1800, we can find self narratives incorporated in a variety of different genres. We find them in literary works and belles lettres; we find them in academic writings such as histories, chronicles and dictionaries. And of course they ca also be found in travel books and in the more personal genre of letter writing. In fact, except fort he religious sciences \u2013 studies of jurisprudence, of prophetic traditions and so on, writings which followed strict academic rules \u2013 almost every type of text was open to intervention from the \u2018I\u2019 author.\u00bb Nelly Hanna, \u00abSelf Narratives in Arabic Texts 1500-1800\u00bb, in J.-F. Ruggiu \u00e9d.,&nbsp;&nbsp;<em>The uses of first Person Writings (Africa, America, Asia, Europe), op. cit.,&nbsp;<\/em>p. 142.<\/p>\n\n\n\n<p>[12] \u00ab The limits of the genre [= Ego-Documents] should be drawn generously in order to allow for more texts to be included, texts that have come to light in the last thirty years \u2013 often quite unexpectedly \u2013 and were sometimes quite difficult to assess. With this in mind, I will analyze a short treatise (risale) that displays a particular constellation of several first-person narratives interlaced with third-person passages. The \u201cMenakib-i Sheykh Mehmed Emin Tokadi\u201d (Vita of Sheykh Mehmed Emin Tokadi) reflects the life and thought of Sheykh Mehmed Emin Tokadi (1664\u20131745), one of the more influential sheykhs of the 18th century Nakshbandiyya order of dervishes. One of his disciples, Seyyid Yahya Efendi (1711\u20131784), wrote down Mehmed Emin\u2019s pronouncements \u2013 in first person singular \u2013 but was not able to finish the work. One of his disciples, Seyyid Hasib \u00dcsk\u00fcdari (d. 1785\u201386), took over and wrote down the entire Vita.\u00bb Barbara Kellner-Heinkele \u00abThe Pearl in the Shell: Sheykh Mehmed Emin Tokadi\u2019s (d. 1745) Self-vita as scripted by Sheykh Seyyid Hasib \u00dcsk\u00fcdari\u00bb, cit\u00e9e par Selim Karahasano\u011flu, \u00abLearning from Past Mistakes and Living a Better Life: Report on the Workshop in Istanbul on Ottoman Ego-Documents\u00bb<strong>,&nbsp;<\/strong>Review of Middle East Studies, Vol. 54, No. 2 (D\u00e9cembre 2020), p. 299.<\/p>\n\n\n\n<p>Dani\u00e8le Tosato-Rigo, 2025<br><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/details>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-b9e4995e9e9047856c3e1d04e1d78aca\" style=\"color:#b01818\"><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter Selbstzeugnissen versteht man alle Texte, in denen eine Person sich \u00fcber sich selbst, ihr nahes Umfeld oder ihre Gemeinschaft \u00e4ussert oder zumindest Werturteile \u00fcber die nahe oder ferne Welt &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":1511,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","_seopress_titles_title":"","_seopress_titles_desc":"","_seopress_robots_index":"","footnotes":""},"class_list":["post-5440","page","type-page","status-publish"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp.unil.ch\/egodocuments\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5440","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp.unil.ch\/egodocuments\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp.unil.ch\/egodocuments\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp.unil.ch\/egodocuments\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1511"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp.unil.ch\/egodocuments\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5440"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/wp.unil.ch\/egodocuments\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5440\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5504,"href":"https:\/\/wp.unil.ch\/egodocuments\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5440\/revisions\/5504"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp.unil.ch\/egodocuments\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}