Kollektive Dynamiken, soziale (De-)Regulierung und Öffentlichkeit

Zahlreiche SoziologInnen diagnostizierten in den letzten zwei Jahrzehnten eine Auflösung sozialer Bindungen. „Soziale Fragmentierung“, „Niedergang der Institutionen“, „Auflösung von Kollektivstrukturen“ oder „Erosion der Öffentlichkeit“ sind die Stichworte dazu. Studien zeigen, wie der Trend zur sozialen Deregulierung – namentlich im Rahmen von „neoliberalen“ Politiken – Prozesse der Entkollektivisierung in Gang setzt, welche traditionelle Regulationsinstanzen wie Gewerkschaften, Berufsverbände oder die soziale Wohlfahrt ins Wanken bringen. Diese Prozesse bedrohen nicht nur die öffentlichen Institutionen, die Güter welche sie herstellen und die Dienstleistungen die sie erbringen. Sie untergraben auch Verweise auf das Allgemeinwohl und das Ideal einer Sozialordnung mit für alle gültigen Rechten und Pflichten. Die diskursive Überhöhung von Privatinitiative, persönlicher Autonomie und individueller Verantwortung führten zu einer Individualisierung der Lebensläufe und der Vernachlässigung des öffentlichen Raumes. Dies hat auch die Verletzlichkeit bestimmter sozialer Gruppen, wie MigrantInnen, älterer Menschen, Arbeitsloser, Working Poor oder ausbildungsloser Jugendlichen erhöht. Die zuweilen undurchsichtige Funktionsweise politischer Institutionen – bei gleichzeitiger Beschleunigung der im Namen ökonomischer Imperative getroffener Entscheidungen – führt zu einer Kurzschliessung und Umgehung der öffentlichen Debatte.

Gleichzeitig werden diese Individualisierungs- und Deregulierungsprozesse von kollektiven Dynamiken und von neuen Formen sozialer Bindungen begleitet. So zeigen zahlreiche Arbeiten das Aufkommen kreativer Formen sozialer und politischer Mobilisierung (namentlich über soziale Netzwerke), zivilgesellschaftlicher Zusammenschlüsse (z.B. in Quartieren), dezentraler Koordinationsprozesse (wie im Kollektiv Anonymous) oder von Gruppen mit neuen Organisationsformen (die „Indignados“ in Spanien, Occupy Wallstreet). Die Konstruktion öffentlicher Probleme und die Lancierung neuer Debatten (homosexuelle Paare, Umweltschutz) gehen mit dem Eintritt neuer individueller und kollektiver Akteure in die mediale und politische Arena einher. Obschon diese Kollektive oft flüchtig und fluktuierend sind, trägt deren Aufkommen zur Neuordnung der Öffentlichkeit und zur Formulierung neuer Regulationsdispositive bei, namentlich auf rechtlicher Ebene. In den letzten Jahrzehnten äusserten diese aufkommenden Kollektive neuartige soziale, politische und identitäre Forderungen. Diese neuen Ansprüche laden die Soziologie dazu ein, ihren regulationstheoretischen Ansatz aufzufrischen: zum Beispiel durch eine erweiterte Definition des Politischen, das künftig über die staatliche und institutionelle Sphäre hinausgeht und in eine Vielfalt von Arenen ausstrahlt. Oder durch einen geschärften Blick auf die Vielfalt juristischer und politischer Strategien zur Schaffung neuer Normen und Regulierungen.

Die soziologische Erkundung des bröckelnden sozialen Kitts muss also ergänzt werden mit der Analyse vielfältiger, oft zögerlicher Formen der Rekonstruktion sozialer Bindungen. Solche neuen Formen sozialer Regulation können sowohl auf der mikrosozialen Ebene der Familie, des sozialen Netzwerkes und des Lebenslaufs beobachtet werden; oder makrosozial in Bezug auf soziale Gruppen, welche versuchen, im öffentlichen Raum neue identitäre, kulturelle oder religiöse Leitbilder durchzusetzen. Die Untersuchung neuer Formen kollektiver Dynamiken, Regulationen und Strategien des „sichtbar Machens“ gehört zum historischen Kern des soziologischen Fragekatalogs. Zugleich sind es soziale und politische Fragen: denn oft führen Regulationsformen zu Mustern der sozialen Ausdifferenzierung und Hierarchisierung, welche nicht in das herkömmliche Raster wohlfahrtsstaatlicher Sicherung passen.

Ziel dieses Kongresses ist es zu untersuchen, wie sich diese Fragen der De- und Neuregulierung in den verschiedenen Gesellschafts- und Forschungsfeldern artikulieren. Dazu gehört auch eine Befragung der verwendeten Forschungsperspektiven und Methoden: welche Rolle kann oder soll die Analyse sozioökonomischer Bedingungen in der Untersuchung von kollektiven Dynamiken und Lebensläufen spielen? Wie kann das Studium semantischer und normativer Aspekte kollektiver Dynamiken und öffentlicher Prozesse mit strukturellen Analysen kombiniert werden? Können soziale Phänomene mit individualistischen Theorien begriffen werden oder ist kollektivistischen Perspektiven der Vorzug zu geben?